Das Ende einer Eiszeit
Seit 1942 sind fünf US-Jagdflugzeuge in Grönland begraben - Im Sommer 2008 sollen sie geborgen werden
Es klingt nach Abenteuer, wird aber ein Knochenjob: Die Bergung von fünf US-Jagdflugzeugen des Zweiten Weltkriegs. Sie sind seit mehr als 60 Jahren tief unter dem Eis Grönlands begraben. Ein Deutscher will sie der Fliegerei zurückgeben.
VON ALEXANDER MICHEL Noch im Eis Grünlands gefangen: 1992 wurde die erste von sechs P-38 "Lightning" zerlegt und gehoben.
Die Operation trägt den Codenamen "Bolero". Das klingt nach Tanz, Musik und Spaß. Der Trip ist aber kein Spaß. Er ist lebensgefährlich - im Sommer 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg. Sechs amerikanische Jagdflugzeuge vom Typ Lockheed P-38 "Lightning" sind im US-Bundesstaat Maine gestartet, um über Neufundland, Grönland und Island nach England zu fliegen. Von dort aus sollen die Piloten gegen Hitlers Luftwaffe kämpfen. Die Schwadron hat bereits Grönland überflogen und nimmt Kurs auf Island, als das Wetter umschlägt. Der zum Auftanken vorgesehene Flugplatz auf Island ist wegen Nebels geschlossen, die Amerikaner müssen umkehren.
Der Treibstoff wird knapp, die Piloten legen an der Ostküste Grönlands eine Notlandung hin. Eine "Lightning" dreht sich dabei auf den Rücken, doch keiner der Flieger wird verletzt. Ein paar Tage später werden sie von einem Kutter der US-Navy aufgegabelt.
Die Flugzeuge bleiben zurück. Sie liegen immer noch dort. Der gefrorene Schnee von sechs Jahrzehnten hat sie in einer 100 Meter dicken Eiskappe eingeschlossen. Das soll sich ändern. Denn das Eis hat die Maschinen so gut konserviert, dass sie nach einer Bergung und Restaurierung durchaus wieder fliegen können. "Das lohnt sich", sagt Dieter Herrmann (56). Der studierte Flugtechniker und frühere Boeing-737- Pilot hat das Projekt "Lost squadron recovery" ins Leben gerufen. "Es gibt kaum noch flugfähige Lightnings auf der Welt", sagt Herrmann, der bereits das Luftwaffen-Museum in Berlin-Gatow für den Wiederaufbau einer der P-38-Warbirds gewonnen hat.
Dass er Hoffnung haben darf, beweist eine Lightning-Bergung auf Grönland, die 1992 gelang. Eine der Maschinen wurde aus dem Eis befreit und bereichert heute Flugshows in den USA. Herrmann und sein Projekt knüpfen hier an. Im Frühjahr 2008 startet die Erkundung ins grönländische Eis. Sponsoren für die Drei-Millionen-Euro-Aktion sind gewonnen, darunter der Schweizer Uhrenhersteller Fortis, der Reinigungs-Spezialist Kärcher und Kässbohrer Fahrzeugbau in Laupheim. Von dort kommen die Schneemobile, die das Bergungsmaterial von Sisimiut an der Westküste Grönlands quer übers Eis zum Recovery-Tatort bringen sollen. "Dort ist kein eisfreier Hafen, wo man das Material entladen kann", sagt Projektleiter Herrmann. 300 Helfer aus halb Europa hat er bereits um sich geschart, gesucht werden weitere 100. "Aber wir brauchen niemand, der unsere Arbeit mit einem Abenteuerurlaub verwechselt", sagt der Berliner. Er sucht Spezialisten mit Enthusiasmus, vor allem Mechaniker, Elektriker, kurzum: Leute, die einen Haufen von Technik verstehen.
Denn die "Lightnings" sollen umweltschonend befreit werden: Durch einen Schacht, der wie mit einem großen Bügeleisen ins Eis geschmolzen wird. Unten werden die Flugzeuge zerlegt und durch die Röhre hochgehievt. "Bis Oktober 2008 muss das über die Bühne sein", sagt Herrmann. "Dann beginnt der arktische Winter."
Lost squadron recovery
Die Lockheed P-38 "Lihgtning" wurde 1937 als Abfangjäger entwickelt. Bis 1945 wurden mehr als 9900 Exemplare des Doppelrumpf-Flugzeugs gebaut. In Europa kam der Typ erstmals 1942 zum Einsatz. Zwei Allison-Triebwerke mit je 1475 PS machten die "Lightning" maximal 665 km/h schnell. Der französische Pilot, Philosophe und Dichter Antoine de Saint Exupéry flog diese Maschine und verunglückte damit tödlich.
Der Verein zur Bergung historischer Fahrzeuge e.V. wurde 2004 als Trägerverein für das Projekt Lost squadron recovery gegründet und ist seit 2006 als gemeinnützig anerkannt. Februar 2007: Vorbereitungsreise nach Grönland, Lokalisierung der Flugzeuge, Hilfestellung der grönländischen Behörden. April 2008: Verschiffung des Material-Containers nach Sisimiut auf Grönland. Dann Materialtransport mit Kässbohrer-Pistenbullis an die Ostküste ins Einsatzgebiet. Ende April: Anreise des ersten Bergungstrupps. Anfang Mai: Beginn der Bergungsarbeiten. Ende der Bergung spätestens Mitte Oktober 2008. Die Bergungsarbeiten werden von mehreren, zeitlich gestaffelten Teams übernommen. Ein Einsatz dauert zwei bis drei Wochen. Gearbeitet wird in Zwölf-Stunden-Schichten.
Initiator und Leiter des Projekts ist Dieter Herrmann, studierter Flugtechniker und früherer Boeing-Pilot in Europa und Südamerika. Er ist heute Chef vom Dienst von Deutsche Welle TV in Berlin.
Für Interessenten und Sponsoren: info@lost-squadron.org
|